
Variations / Lagarce
D'après Jean-Luc Lagarce
Mise en scène Julie Brochen
© Franck Beloncle
Die Poesie der Lüge
Nach der Zeit der „Vorstellung“ kommt der aufregende Augenblick der Einführung in Straßburg. Der Kirschgarten ist der Schwanengesang, das Vermächtnis Tschechows und es ist unser Anliegen, dieses letzte Stück unseres hiesigen Debüts zu erklären, es mit der so besonderen Energie zu beleben, die jeden Neuanfang auszeichnet und erfüllt, dass ich darauf Wert legte, damit die neue künstlerische Leitung im TNS zu beginnen.
Die Vorfreude, die jedes Theaterprojekt in mir bestimmt und verankert, wurde immer von dem Ehrgeiz und dem Wunsch nach einem festen Ensemble begleitet. Das ist hier und jetzt der Fall, indem ich damit anfange - mit dem Kirschgarten - und der Ankunft von Muriel Ines Amat, Fred Cacheux, Gildas Milin und Cécile Péricone – die dann auch die vier ersten Gesichter sein werden – die Geschichte dieses neuen Ensembles zu schreiben.
Ich freue mich darüber, an meiner Seite Olivier Chabrillange zu haben, um von seinen beim Pariser Festival d’Automne gelernten Kenntnissen im Theater der ganzen Welt zu profitieren und Ihnen zu Nutze zu machen. Wir haben zusammengewirkt eine in drei Leitlinien gegliederte Spielzeit zu erarbeiten.
Über die notwendige Teilung dieses immensen Apparates, das das TNS bildet, hinaus, wollen wir schon heute die Koproduktionen begünstigen (vier an der Zahl in dieser Spielzeit) und die hier anwesenden schöpferischen Kräfte vorstellen. Diese Kräfte sind Frauen und Männer, mit vielseitigen Talenten, im Umgang für die Ausstattungs- und Kostümwerkstätten, den Umfang der Möglichkeiten dieser drei Bühnen und ihrer Eigenheiten. Darüber hinaus bieten sie besonders günstige Beziehung zum Publikum.
Es wird auch weiterhin unser Ehrgeiz sein, zu beobachten wie und in welcher Weise sich Künstler aus Europa und aus der ganzen Welt begegnen.
Schließlich werden wir immer noch die Verbindungen zwischen dem Theater und der Schule fortsetzen und intensivieren, indem wir Arbeiten und Austausche zwischen den anwesenden Künstlern und den Studenten einführen werden.
Ich mag es, wenn Projekte miteinander verwoben und versponnen werden und eine gemeinsame Sprache bilden, ein Feld von Resonanzen und Echos. Ich lese in den Dreiecken, die die drei Buchstaben des TNS umgeben, eine neue Geometrie und ein Deutungsspiel: Die theatrale Architektur, seine Triangulation, die Bretter italienischer Bühnen, von dem Kai in Hanjo oder das Kapitol eines Zirkuszeltes, unsere DNS-Struktur, eine Komposition, ein Drachen. Die Idee der Kette gefällt mir, wie sie uns befreit, anstatt uns zu fesseln und ich stelle mir schon seine Variationen vor, seine Veränderungen …
Antoine Vitez sagte über Der Tausch von Paul Claudel, dass die Lüge von Louis Laine auch seine Poesie ist.
Die Kunst der Lüge, die Poesie der theatralen Lüge, die zugleich bekannt, geteilt und heilbringend ist, und die seine Wahrheit in der Gegenwart sucht, dem Publikum entgegengehend…
Ich habe mir gewünscht, die Spielzeit 2009/2010 mit Pinocchio zu eröffnen, eine Aufführung mit mehren Leseweisen, die sich an Kinder wie an Erwachsene wendet.
Und ich schlage Ihnen vor, in dieser Spielzeit uns um richtungsweisende Künstler zu versammeln, die dazu einladen, anders zu sehen und zu hören: der Albtraum von Pinocchio nach Joël Pommerat, der poetische Hauch von Pessoa nach Regy (der mit den Studenten der Schule arbeiten wird), das Glühen von Mishima nach Jacques Vincey, die Macht der gequälten Verse von Müller nach Jean Jourdheuil (der auch einen Workshop an der Schule machen wird), die Vorstellung und seine Kulisse mit Sommernachtstraum von Yann-Joël Collin, die Geschichte eines Fluches, mit Unter Ödipus’ Auge von Joël Jouanneau (der im letzten Workshop der Absolventen Regie führen wird).
Ich freue mich auf das Gastspiel vom Theater-Labor Sfumato aus Sofia mit der Strindberg-Trilogie und auf den Aufenthalt der Schauspielstudenten in Bulgarien (eine öffentliche Vorstellung von der Arbeit wird in März in Kablé stattfinden).
Das TNS bietet mir die Möglichkeit Kameradschaften zu pflegen und fortzusetzen. Wie im Fall mit Pierre Meunier, der zwei von seinen erstaunlichen Aufführungen vorstellen wird, und mit Gildas Milin, der nach den Vorstellungen von Machines sans cible einen Workshop für die Schauspielstudenten veranstalten wird.
Zuletzt freue ich mich auf das Gastspiel einer Weltpremiere und auch auf die letzten Vorstellungen einer mythischen Aufführung.
The Wooster Group aus New-York wird im Saal Gignoux Vieux Carré von Tennessee Williams uraufführen – in Koproduktion mit dem Pariser Festival d’Automne und den Wiener Festwochen. Im Saal Koltès werden die allerletzten Aufführungen von Woyzeck on the Highveld stattfinden, die berühmte Inszenierung von William Kentridge mit der Handspring Puppet Company.
Zu dieser Gelegenheit begrüße und bedanke ich mich bei Grégoire Calliès und dem Team vom TJP, das an diesem Projekt beteiligt ist, und auch bei Bernard Fleury und dem Theater Le-Maillon natürlich für die hartnäckige Arbeit bei dem Festival Premières, auf deren sechste Ausgabe wir uns schon vorbereiten. Ich freue mich auch auf die anderen Austauschgastspiele mit Jean-Dominique Marco und dem Festival Musica zur Eröffnung der Spielzeit.
Unserer Gesprächzyklus im Studio Kablé, den wir während der letzten Spielzeit mit Jean-Luc Nancy und François Tanguy über „das Geld“ und Yves Clot, Patrice Barret und Fred Cacheux über „die Arbeit“ begonnen hatten, wird sich bei Spielzeitbeginn mit dem Thema „das Publikum“ fortsetzen, zusammen mit Jack Ralite. Ein Publikum, für das wir auch Amateurworkshops, Podiumsdiskussionen und Lesungen organisieren, und mit dem wir Austausche vermehren möchten, um gemeinsam unsere Gegenwart in diesem in der Stadt verankerten und zugleich in die Welt geöffneten „Haus“ zu leben.
Julie Brochen